Julies Game 2004

nach Strindberg/Betschart

Julie, antiautoritär erzogene Tochter, linksorientierter, toleranter Eltern, empfindet ihre Umgebung als bedrohlich. Eine physisch nicht greifbare Gewalt, erbarmungsloser Krieg hinter den Kulissen aufgeklärter Wohlanständigkeit treiben sie zu exzentrischem Verhalten und Ausbruchsversuchen. Als ihr Vater, Polizeidirektor in einer kleinen süddeutschen Stadt, zu einer privaten Faschingsparty in der Stadt untergekommene Asylbewerber einlädt, wird der Krieg für Julie greifbar. Asylanten aus den menschlichen Katastrophengebieten dieser Erde bringen ihn mit. Julies Krieg, der Krieg ihrer Kindheit, hat auf einmal Gestalt. Ihren von Vergewaltigung, Vertreibung und eigener Schuld gezeichneten Partygästen fühlt sie sich nahe. Wie aber ihnen nahe kommen? Die einfachste Art, sich kennen zu lernen, ist Sex .. Die Inszenierung wurde gefördert vom Ministerium für Jugend, Bildung und Sport des Landes Brandenburg.

Ensemble und Besetzung

Es spielen, beleuchten und soufflieren:
Sophie Kuppler, Christoph Nolte, Manana Tevzadze, Rishi Kukreja, Anke Schaffartzik, Aline Rasser, Effah Antwi, Elke Noack, Christian Schultze, Sandra Vieira.

Regie: Mathias Neuber

Premiere war am 25. Februar 2004

Pressebericht

DER KRIEG IN UNS

„Julies Game“ an der Cottbuser bühne 8 Es ist Karnevalszeit, und der Herr Polizeidirektor einer kleinen süddeutschen Stadt möchte feiern – aber nicht einfach wie immer: Der Mann will seine Weltoffenheit demonstrieren, also sind unter den Gästen, die er in sein stattliches Haus holt, auch Asylbewerber. „Julies Game“ nimmt seinen Lauf.

Julie (Sophie Kuppler) ist die Tochter des Hauses, antiautoritär erzogen von der linksorientierten Mutter, die allerdings dem fetten Leben durchaus nicht abhold ist und übrigens ihren staatstragenden Gatten im Würgegriff hat. Ausgelassen, ja, losgelassen tanzt und schäkert sich das Mädchen in den Mittelpunkt der Karnevalsparty und hat alsbald ein Auge auf den „Yugo“ Teszan (Christoph Nolte) geworfen. Der allerdings ist mit Kristina (Manana Tevzadze) hier – kann Julie das stören? Natürlich nicht… Premiere an der bühne 8 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus: In dem Stück „Julies Game“, das Matthias Neuber frei nach August Strindberg und Hansjörg Betschart in Szene setzte, spielen Studenten aus Hongkong, Georgien, Portugal und Deutschland. Ausländerfeindlichkeit ist das vordergründige Thema, doch schnell ist zu sehen, dass hier keine Oberflächlichkeiten verhandelt werden.

Klischees als Aufhänger

Natürlich werden Klischees in die Runde geworfen. Sie sind aber nur der Aufhänger. Es geht darum, woher die Klischees rühren, es geht um Formen der Wahrnehmung, um Erfahrungshorizonte: Aha, Julie und Teszan gemeinsam im verschlossen Badezimmer, was nur heißen kann, das dieser Ausländer dem amen Mädchen was antut, man kennt das ja. Julies Ex-Freund, der Polizist (Rishi Kukreja), der seine Narben auch aus Begegnungen mit ausländischen Kriminellen davongetragen hat, wird er nicht zwangsläufig durchknallen? Zieht er seine Dienstwaffe, benutzt er sie? Was könnte ihn davon abhalten? Macho Teszan, der halb gezogen wurde und nur zu gern halb dahinsank, ahnt, was ihm blühen könnte aber die verrückte Julie ist nun, mal so verdammt verführerisch wie hartnäckig. Sie hat ein mörderisches Spiel in Gang gesetzt, diese Julie, in ihrem Drang, auszubrechen aus einer Welt der Falschheiten und der Langeweile: Teszan, lass uns fliehen, zu dir, fleht sie. Dort ist Krieg, sagt Teszan, bist du verrückt geworden? Hier ist auch Krieg, immer, antwortet Julie. Bei mir zu Hause ist Krieg, seit ich denken kann. Ein Krieg, in dem ich den Angreifer liebte und auf der Seite der Angegriffenen stand.

Woran sollen wir uns halten?

Es ist nicht die Frage, welcher Krieg verheerender ist – der reale, blutige, massenhaft tödliche oder der Krieg in uns, zwischen uns. Sie sind beide sinnlos zerstörerisch. Woran sollen wir uns halten, wenn moralische Grundsätze so leicht zerbröseln? Wenn wir nicht mehr erkennen, was das Gute ist und was das Böse weil es nur noch Gutböse und Bösegut gibt? Wie reagieren wir in Extremsituationen, denen wir nicht gewappnet sind? Können wir da nicht rasch selbst zum Schlechten konvertieren, wo wir uns nur schwach, unbeholfen, überfordert wähnen? Das sind die Punkte, um die es sich bei „Julies Game“ dreht, sie sind an der bühne 8 gut herausgearbeitet und werden mit enormem Einsatz gespielt. Da Eindimensionalität vermieden wird, haben wir nach der Vorstellung ein Problem. Wir müssen und mit der Grundaussage auseinandersetzen, die im Schluss-Satz des Stücks gipfelt: „Nur nicht nachdenken“.
Peter Blochwitz

Bilder